1980 Eine Reise mit Folgen – Erste Begegnung mit Thomas Godoj

Alle Männer arbeiteten als einfache Hauer, Schlosser oder Steiger im Bergbau und zu Beginn des ’Zweiten Weltkrieges’ gingen sie von Bottrop nach Stendal (Sachsen-Anhalt) und Rybnik (damals Schlesien).  

2 Monate vorher hatte ich die von geist- und humorlosen DDR-Betonköpfen entwickelten, pervieden Reiseanträge erhalten. Neben den Fragen nach den persönlichen Daten gab es Drohungen bis zu Gefängnisstrafen bei Nichteinhaltung der DDR-Vorschriften. Zähneknirschend und mit Wut im Herzen machte ich mich dann widerwillig die Bögen auszufüllen. Wir hatten es Godoj’s den Besuch versprochen und so musste es sein. Außerdem freute ich mich sehr auf diese Begegnung. 

Das Auto war bereits seit 2 Tagen beladen, weil wir jeden Tag mit den Reisedokumenten gerechnet hatten. In der Zeit des “Kalten Krieges“ herrschte aufgrund der krassen wirtschaftlichen Unterschiede in Polen großer Mangel an vielen alltäglichen Dingen. Gefüllte Läden, in denen man auch noch am späten Nachmittag einkaufen konnte, gab es dort nicht. Klar, dass wir Geschenke einpackten, die dort käuflich nicht zu erwerben waren. Es sei den man war Kommunist und hatte ein s.g. A-Konto mit Geld aus dem Westen. Vom gelben Quietsche-Entchen für Thomas und Persil für den Haushalt wurde der kleinste Winkel im Auto voll gestopft. 

Warstein 20. Juli 1980 - 21:00 Uhr

Ich drehte den Zündschlüssel um, das Auto sprang an und die 1.000 Kilometer lange Reise begann. Es war ein schöner wolkenloser Abend. Die Fahrt auf der A44 führte von Soest nach Kassel und dann über die A7 zum Kirchheimer-Dreieck und weiter über die A4 bis Opole. Ab dem Kirchheimer-Dreieck war es inzwischen dunkel geworden und es befanden sich kaum noch Autos auf der Straße und es wurden immer weniger und weniger. Allmählich hatte ich ein mulmiges Gefühl im Magen. Nun gab es keine Autos vor uns, keine Autos hinter uns und kein einziges Fahrzeug kam uns auf der anderen Fahrbahn entgegen! Was war los? Hatte ich mich verfahren oder war ich versehentlich auf ein Stück stillgelegte Autobahn geraten? Nach 2 Stunden Fahrt näherte sich ein Auto von hinten und ich ließ es überholen. Deutsches Kennzeichen in Richtung DDR. Ich war beruhigt und fuhr hinterher.  

Inzwischen hatte ich 1 Liter Sprudel getrunken und hatte das Bedürfnis, unbedingt eine Toilette aufzusuchen. Naja, gleich kommt die Grenze und da wird es wohl möglich sein; ist ja an allen Grenzstationen so, wenn man nach Frankreich, Belgien oder Holland fährt.   

Und plötzlich war sie da, die berüchtigte Grenzstation Herleshausen.  

Obwohl ich mir immer wieder einredete, dass die Grenzer mir ja nichts anhaben konnten, weil ich ja nichts Verbotenes tat, war es mir schlecht in der Magengegend und der Puls raste. Es kam, wie man mir beschrieben hatte. Ohne eine Miene zu verziehen, fuchtelte ein magenkranker Zöllner mit einer riesigen Nase und außergewöhnlichen großen Lauschern, die im Winkel von 90° vom Kopf abstanden, wortlos mit seinem Zeigefinger vor mir herum. Gebannt starrte ich auf diesen rotierenden Finger, so eine akrobatische Einlage hatte ich nicht einmal im Kabarett gesehen. Die Hand hielt er völlig still, kreiste aber mit dem Zeigefinger wie ein Flugzeugpropeller herum. Ich war mir nicht sicher, ob diese Handkunst zum Ausbildungsprogamm der DDR-Fuzzis gehört oder er sich die hohe Kunst selbst beigebracht hatte. Toll, einfach toll, ich war voller Begeisterung.  

Im Schlagschatten des grellen Scheinwerferlichtes wurde sein Kopfprofil im spitzen Winkel haarscharf an die weiße Wand des Stationsgebäudes geworfen und seine Ohren waren plötzlich 2 Meter lang und sein gewaltiges Riechorgan wirkte wie ein überdimensionaler Zeigestock, der in Richtung Parkplatz wies. “Ach so machen die das hier“ dachte ich wohlwissend. 

Mit meiner Frage, wo denn die Toilette sei und meinem unverschämten Grinsen über diesen DDR-Akrobat, mit schlecht sitzender Uniform, hatte ich sein Misstrauen erregt und er baute sich vor mir auf, stemmte seine Fäuste in die Hüften und rief einen Kollegen als Verstärkung hinzu. Dieser fragte im einwandfreien, aber für mich kaum verständlichen sächsischen Dialekt: „Nu, ham mir da in der BRD keene Zeit gehabt. Gänsefleisch später erledschen, nu nich!“. So eine Bande dachte ich und verkniff mir mit großer Mühe mein menschliches Bedürfnis. 

Sie nahmen uns unsere Pässe ab und der Sachse verschwand mit einem sehr seltsamen Watschelgang aber geradem Kreuz in Richtung Kontrollgebäude. Hinter einem kleinen Fenster  saß ein ebenso uniformierter und genauso blöd dreinschauender Mensch, der uns von oben bis unten mit seinen Blicken einscannte. Wortlos und ohne die Miene zu verziehen nahm er die Papiere entgegen und verzog sich in den hinteren Teil der Baracke. So wurden die Papiere innerhalb einer “schnellen“ Stunde von einem Fensterchen zum anderen transportiert und überall saßen die gleichen uniformierten Würstchen, die es uns Wessis einmal zeigen wollten. Jeder schaute uns tief in die Augen und ich spürte den Hass, der uns entgegenschlug. 

Und immer noch keine Toilette. Der Druck war beinahe nicht mehr auszuhalten. Aufgrunddessen verzerrte sich mein Gesicht mal bis zu beiden Ohren grinsend, mal schmerzverzerrt aber im stetigen Wechsel. Nun schaute mich der Grenzer an, als ob er das siebte Weltwunder erlebte. Er wurde nicht schlüssig, was ich da machte. In diesem Zweifelsfall kam er zu der Erkenntnis, dass ich ihn auf den Arm nehmen wollte.  

Die Quittung bekam ich postwendend, als ich seine Fragen im sächsischen Dialekt beantwortete. Mein Auto wurde unter die Lupe genommen. Absolute Spitze war, als der Grenzheini den Karton mit dem Persil Waschpulver entdeckte. Er nahm den Karton und schüttelte ihn kräftig in Ohrnähe. Als ich fragte, was denn der Unsinn sollte, blies er sich auf, bekam einen hochroten Kopf und hielt so eine lange Zeit aufgrund von Wortfindungsschwierigkeiten inne, wobei er mich aus seinen großen Glubschaugen anstarrte. Jetzt dachte ich, jetzt muß ihm gleich der Kopf platzen. Er sah mich an und stotterte: „Da, da können Wa, Wa, Waffen drin sein!“   

Naja, weil ich mich so anständig benommen habe, durften wir dann freundlicherweise länger warten als alle anderen. So ging es dann Schritt für Schritt weiter, die Blase drückte und irgendwann bekamen wir wortlos unsere Papiere zurück.  

Man musste Schlangenlinie durch einige Schikanen fahren und nach dem letzten Wachturm hielt ich es nicht mehr aus. Ich hielt an, sprang aus dem Auto und stellte mich an den Grabenrand und machte mich bereit, mich zu entlasten. In Erwartung der kommenden Wohltat schaute ich genüsslich mit zufriedener Miene den Abhang hinunter. Ich erstarrte beinahe zur Salzsäule. Unter mir verliefen in Knöchelhöhe einige Starkstromkabel. Ich weiß nicht was, in meinen Organen passierte, in einer Millisekunde, in der normalerweise Airbacks öffnen, war bei mir alles blockiert. Mit einem riesigen Satz war ich wieder hinter meinem Steuer und hatte bis zum polnischen Grenzübergang Görlitz fünf Stunden später keine weiteren Bedürfnisse mehr. 

Dresden 21. Juli 1980 - 02:45 Uhr

Gelesen hatte ich viel über diese geschichtsträchtige Stadt aber gesehen bisher nicht. Unter Androhung von hohen Strafen durfte die Transitstrecke nicht verlassen werden. Meine Neugier siegte über die Gefahr erwischt zu werden. Also fuhr ich in Dresden-Neustadt von der Autobahn und drehte einige Runden in der Stadt. Leider war die Stadt mit westlichen Großstädten damals nicht zu vergleichen. “Tote Hose.“ Nicht eine einzige Person und nicht ein Auto bewegten sich außer mir durch die Stadt. Große Enttäuschung. Ich setzte unsere Reise fort.   

Görlitz 20. Juli 1980 - 05:45 Uhr

Wieder bleichhäutige DDR-Grenzer, aber diesmal mit thüringischem Dialekt. Diese Lumperei hatte sich die DDR-Regierung ausgedacht. Man traute den eigenen Leuten nicht und es durften nur ortsunkundige Soldaten aus anderen Landesbereichen eingesetzt werden. Und ich hatte schon wieder einmal ein Problem. Auf DDR-Autobahnen galt 100 km/h als Höchstgeschwindigkeit und irgendwie ging aus den Papieren hervor, wann ich in Herleshausen gestartet bin. Also für die Stecke von 400 km hatte ich 3 Stunden gebraucht, macht etwa 133 km/h pro Stunde. Nach langem Lamentieren war er sich sicher, dass bei den Kollegen in Herleshausen die Uhr falsch geht. Wenn der gewusst hätte, dass ich zu dem noch eine Stadtbesichtigung in Dresden durchgeführt hatte. Auwei!     

Rybnik 20. Juli 1980 - 09:45 Uhr

Treffpunkt war das Elternhaus von Danuta. Alle freuten sich, den Besuch aus Warstein zu begrüßen. In den letzten Tagen war das das Thema Nr. 1 bei den Godoj’s. Da waren sie: Oma Steffi, Opa Emil, Danuta, Eugeniusz, Hanna und Tomasz.

Nach dem Begrüßungstrunk wurden die Geschenke ausgepackt. Thomas interessierte sich nur für das gelbe Quietsche-Entchen und sonst nichts. Obwohl er erst etwas mehr als zwei Jahre alt war, bedankte er sich brav: „Danke, Onkel Dieter!“ Ich konnte es gut verstehen. Für Opa Emil war es das Größte, einen 10 DM-Schein zu besitzen und jedem seiner Kumpel zu zeigen. Auch denen, die ihn nicht unbedingt sehen wollten.  

So vergingen viele schöne Tage in einer überaus netten und aufmerksamen Familie. Wir unternahmen Ausflüge zu regionalen Sehenswürdigkeiten und natürlich durfte das in der Nähe liegende KZ-Auschwitz nicht fehlen. Das ist ein anderes Kapitel, über das ich an anderer Stelle berichten werde. 

Am Tage der Abreise versprachen wir, die Gegeneinladung schnellstens zu schicken. Thomas winkte mit dem gelben Quietsche-Entchen und den Erwachsenen standen die Tränen in den Augen. Viele Stunden saßen wir auf der Rückfahrt schweigend nebeneinander, weil jeder mit Wehmut über diese lieben Menschen und die schöne gemeinsame Zeit nachdachte.

Fortsetzung folgt: Auszüge aus privatem Briefwechsel und Vorbereitung der Flucht.

 
H O M E
F I L M E
C H R O N I K
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C A S T R O P
S U T T R O P
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 W A L T R O P
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B U N D E S W E H R
B U N D E S W E H R
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H Ü T T E
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U - B O O T
A C H   W A S !!
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C A R I N A  (Reitsport)
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